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01.08.10
1. Augustrede 2010 in Worb

Freiheit, Toleranz, Rechtstaatlichkeit
und Solidarität

von Maja Widmer-Trimaglio



Liebe Worberinnen und Worber
Liebe Gäste

Ich begrüsse Sie zur 1. Augustfeier hier auf dem Bärenplatz in Worb.
Es ist für mich eine Ehre und eine Freude, als diesjährige Präsidentin des Worber Parlaments an unserem Nationalfeiertag ein paar Worte und Gedanken an Sie richten zu dürfen.
Einerseits feiern wir hier und heute gemeinsam den 719. Geburtstag der Eidgenossenschaft und andererseits den 162. Geburtstag unseres modernen Bundesstaates von 1848.

Im August 1291 haben Walter Fürst von Uri, Werner Stauffacher von Schwyz und Arnold von Melchtal von Unterwalden mit dem gemeinsamen Schwur auf der Rütli-Wiese ein Bündnis besiegelt. Das Bündnis ist belegt mit der Bündnis-Urkunde – dem sogenannten Bundesbrief.

Auf was haben eigentlich unsere Gründungsväter vor 719 Jahren geschworen?
Welches sind die Werte und Traditionen, die 7 Jahrhunderte später immer noch Gültigkeit haben und die Schweiz zu dem machen, was sie ist?

Vielfach wird man sich eines Wertes erst bewusst, wenn man ihn nicht mehr hat oder man im Begriff ist, diesen zu verlieren. In der Hektik des Alltags vergisst man gerne, wie gut es uns geht. Welches Glück wir eigentlich haben, in diesem Land leben zu dürfen.
Ich glaube, dass das Glück weit mehr ist, als nur die Berge, die Schweizer Schokolade, die Uhren, die helvetische Pünktlichkeit und Präzision. Das was wir seit 1291 erreicht haben ist viel grundlegender.
Grundwerte wie Freiheit, Toleranz, Rechtstaatlichkeit und Solidarität haben unser Land erfolgreich gemacht. Und diese Werte gelten noch heute.

Freiheit:
Freiheit ist das höchste staatliche Recht in unserem Land. Sie geht von zahlreichen persönlichen Grundfreiheiten aus wie Glaubensfreiheit, das Recht auf freie Meinungsäusserung, das Recht so zu leben und sein Leben so zu gestalten, wie es jedem einzelnen entspricht. Pressefreiheit und Wirtschaftsfreiheit sind für uns selbstverständlich. Wir dürfen also zu recht sagen, dass wir in einem freien Land leben. Undwir schätzen diese Freiheit Tag für Tag.
Für mich ist Freiheit immer auch mit Verantwortung verbunden. Wer sein Leben frei gestalten darf, muss aber auch Eigenverantwortung übernehmen und die Konsequenzen für sein Handeln oder Nichthandeln tragen. Unter Verantwortung verstehe ich auch Verantwortung gegenüber sich selber, gegenüber Dritten, gegenüber der Gesellschaft und der Umwelt.

Aber auch die Freiheit hat ihre Grenzen. Sie hört nämlich dort auf, wo die Freiheit oder wo Gefühle anderer verletzt werden. Sie hört aber auch dort auf, wo unserer Natur Schaden zugefügt wird. Oder wo
Egoismus, Habgier und Masslosigkeit zu Schuldenbergen führen und auf dem Buckel anderer korrigiert werden müssen.

Toleranz:
Über die Bedeutung von Toleranz könnte man sicher lange philosophieren. Für mich heisst Toleranz
- Respekt gegenüber anderen Menschen und Kulturen
- Respekt gegenüber dem Verhalten und der Denkweise anderer Menschen.

Rechtstaatlichkeit:
In unserer Bundesverfassung steht, «dass vor dem Gesetz alle Menschen gleich sind». Jeder Mensch hat in einem Rechtsstaat, wie es die Schweiz ist, im Fall eines Verfahrens das Recht auf eine faire
Behandlung. Weder Vermögen, noch Lebensform, Herkunft oder Hautfarbe dürfen dabei eine Rolle spielen. Willkür, persönliche oder politische Haltungen dürfen ein Verfahren nicht beeinflussen. Was zählt sind unsere geltenden Gesetze. Die aber müssen konsequent angewendet werden.

Solidarität:
In einer Gemeinschaft gegenseitig füreinander Einstehen ist Solidarität.
Solidarität könnte man durchaus auch als Nächstenliebe bezeichnen.
Im Bundesbrief von 1291 ist das Wort «Solidarität» mit den Worten «Beistand, Rat und Förderung mit Leib und Gut» beschrieben.

Die Starken helfen den Schwachen.
Das war eines der zentralen Anliegen der «Alten Eidgenossen». Eine der tragenden Säulen unseres Föderalismus, der uns weit gebracht hat. Aber hat Solidarität nicht auch etwas mit Anstand zu tun ?
Wir sind ein Land, ein Volk, das sich den Werten und den Grundhaltungen des christlichen Abendlandes verpflichtet fühlt. Das ist in den letzten Jahr vielfach in den Hintergrund gerückt.

Freiwillige zu finden, die sich ehrenamtlich oder für einen bescheidenen Beitrag in Vereinen oder Organisationen engagieren, wird immer schwieriger. Es sind leider immer weniger Leute bereit, sich in ihrer Freizeit freiwillig für das Gemeinwohl einzusetzen. Hobbies, Erfolg und die persönliche Karriere gehen leider häufig vor. Aber ist es nicht gerade das „Zäme-Schaffen“ etwas „Zäme-Mache“,
das uns Zusammenhalt und Zugehörigkeit gibt und das Gefühl von Wurzeln und Verbundenheit – oder eben von „Heimat“ ?

Seit Jahren fahre ich im Herbst mit meiner Familie nach Südfrankreich. In diesen 14 Tagen fühle ich mich mit den Leuten, der Sprache und der Kultur sehr verbunden. Aber auf der Heimreise - bald einmal nach
der Schweizer Grenze - macht sich so ein sonderbares Gefühl bemerkbar, das man mit Worten nicht beschreiben kann. Ist das vielleicht das sogenannte Heimatgefühl ? Es ist schön wegzufahren, aber es ist auch immer wieder schön, in das Vertraute heimzukehren.
In der heutigen Zeit der Globalisierung und der technischen Vernetzung sind wir mit der ganzen Welt verbunden. Alles geht viel schneller. Was heute zählt, ist morgen schon überholt. Die tägliche Flut an Informationen aus der ganzen Welt können wir Menschen nicht mehr erfassen.
Wenn früher der Duft der grossen weiten Welt gelockt hat, könnte es in Zukunft durchaus sein, dass Traditionen, die Familie und der Ort, wo man lebt und wohnt und das eigene Land wieder vermehrt an Bedeutung gewinnen. Im Innersten braucht der Mensch einen überschaubaren, vertrauten Raum, der ihm Halt und Schutz bietet.

Wir Schweizer sind ein eigenes «Völkli». Wir haben uns immer dafür stark gemacht, unsern eigenen Weg zu suchen und zu gehen. Wir lassen uns eben nicht gerne fremdbestimmen. Und wie die Überlieferung sagt, grüssen wir Schweizer bekanntlich nicht gerne und schon gar nicht auf Befehl fremde Hüte !

Unsere Vorfahren sind mutig, stolz und selbstbewusst gewesen. Sie haben zusammengehalten und sind für unser Land eingestanden. Und auf das haben sie einen Eid geleistet. Sind wir heute auch noch bereit und so mutig ?
Haben wir auch Grund dazu?

Ja - den haben wir durchaus!
Ich bin stolz in diesem Land - in der Schweiz - leben zu dürfen. Wir müssen uns nicht verstecken und wir brauchen uns auch nicht für unsere Zurückhaltung gegenüber dem Grossgebilde EU zu schämen. Ganz im Gegenteil. Warum wollen so viel Leute aus dem EU-Raum in unserem Land arbeiten oder leben?

Wir leben in Freiheit.
Wir geniessen Wohlstand.
Wir leben in einem vielseitigen Land.
Wir leben in einem sicheren Land.
Wir haben alle die Möglichkeit, uns zu bilden.
Wir haben eine ausgezeichnete Gesundheitsversorgung.
Wir haben gute Sozialwerke.
Wir sind erfolgreich.
Und ... und ... und ....
Es gibt noch viele Gründe, die man aufzählen kann.

Alles das zusammen - die Summe unserer Errungenschaften - macht die Qualität unseres Landes und die Lebensqualität jedes einzelnen aus. Wir dürfen zu recht stolz auf unser kleines Land sein.
Ich wünsche mir auch für die Zukunft, dass wir unsere Werte hochhalten und mit Kompromissbereitschaft nach guten Lösungen suchen. Und dass der Wille vorhanden ist, gemeinsam anzupacken. Wenn mir zusammen und mit Augenmass am gleichen Strick ziehen, bringt es uns menschlich und wirtschaftlich vorwärts, damit einmal auch unsere Nachkommen noch stolz sein dürfen.

Zum Schluss danke ich den verantwortlichen Personen für die Organisation der diesjährigen Bundesfeier hier in Worb.
Ich wünsche allen einen gemütlichen Abend und danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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Maja Widmer-Trimaglio
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